Meine erste Begegnung mit den Koranisten liegt mehr als zehn Jahre zurück. Damals geriet ich mit einem Islamisten, einem ehemaligen Mitgefangenen, in eine heftige Diskussion über die Zukunft der Nichtmuslime in Syrien. Da mischte sich jener Koranist, der einen Hochschulabschluss in Psychologie besaß, ein und sagte: „Letztlich sind wir alle Muslime.“ Wegen der aufgeheizten Stimmung schenkten wir ihm keine Aufmerksamkeit. Seine Aussage ergab keinen Sinn und war, offen gesagt, sogar ein wenig provozierend.
Später hörte ich dann, der Islam habe die Frau geehrt, und sämtliche Verletzungen ihrer Rechte beruhten lediglich auf Missverständnissen, denn:
- Der Koran habe nicht angeordnet, Frauen zu schlagen; das Schlagen im Vers „Und jene, deren Widersetzlichkeit ihr fürchtet, ermahnt sie, meidet sie in den Ehebetten und schlagt sie“ (an-Nisāʾ 34) bedeute nicht Schlagen in dem Sinn, in dem wir es gewöhnlich verstehen.
- Die qiwāma im Vers „Die Männer stehen für die Frauen ein, weil Gott die einen vor den anderen ausgezeichnet hat“ (an-Nisāʾ 34) bedeute nicht, dass die Autorität bei den Männern liege.
- Der Anteil des Sohnes im Vers „Gott schreibt euch hinsichtlich eurer Kinder vor: Auf einen männlichen Nachkommen entfällt so viel wie auf zwei weibliche“ (an-Nisāʾ 11) sei nicht doppelt so groß wie der Erbanteil der Tochter.
- Mit den Frauen im Vers „Ausgeschmückt ist den Menschen die Liebe zu den Begierden: zu Frauen, Söhnen, aufgehäuften Mengen von Gold und Silber, edlen Pferden, Vieh und Ackerland. Das ist der Genuss des diesseitigen Lebens; bei Gott aber ist die schönste Heimstatt“ (Āl ʿImrān 14) seien keine Frauen gemeint, sondern etwas anderes.
- Das Zeugnis einer Frau entspreche vollständig dem eines Mannes im Vers „Und ruft zwei Zeugen von euren Männern. Sind es nicht zwei Männer, dann einen Mann und zwei Frauen“ (al-Baqara 282); der Vers sage sogar, dass die Aussage zweier Frauen ohne jeden Mann ausreiche.
- Und die Frau unterbreche das Gebet nicht wie Hund und Esel im als authentisch geltenden Hadith: „Das Gebet wird durch die Frau, den Esel und den Hund unterbrochen“ (Ṣaḥīḥ Muslim 511).
Vor Kurzem lernte ich den YouTube-Kanal „Mujtamaʿ“ kennen, nachdem einige religionslose Freunde ihn mir als etwas Neues und Wichtiges empfohlen hatten. Ich sah mir Ausschnitte aus einigen Sendungen an. Dabei fielen mir bestimmte Fehler auf – ich nenne sie lediglich aus Höflichkeit „Fehler“ -, die hier nicht ausführlich behandelt werden können. Ich beschränke mich auf zwei Beispiele: Dort wird behauptet, das Wort „Beigeseller“ (mušrikūn) im Koran bedeute nicht das, was gewöhnlich darunter verstanden wird, sondern Menschen, die andere an ihrem Ehebett beteiligen. Außerdem könne „Abraham“, auf den die abrahamitischen Religionen zurückgeführt werden, als Begründer der empirischen Methode gelten, weil er Gott im Vers „Und als Abraham sagte: Mein Herr, zeige mir, wie Du die Toten lebendig machst. Er sprach: Glaubst du denn nicht? Er sagte: Doch, aber damit mein Herz Ruhe findet“ um Beweise gebeten habe.
Ich hatte zuvor nicht erwogen, Muhammad Schahrurs Buch „Das Buch und der Koran“ zu lesen, trotz aller Wirbel, die es ausgelöst hatte, weil ich es nicht für der Mühe wert hielt. In letzter Zeit bemerkte ich jedoch, wie sich die Bewunderung für die Ergebnisse seiner „Methode“ sogar unter hochgebildeten Nichtgläubigen ausbreitete. Daher beschloss ich, das Buch zu lesen und mich kritisch mit ihm auseinanderzusetzen, um die Mechanismen aufzudecken und zu verfolgen, die zu den oben erwähnten „überraschenden“ Ergebnissen führen.
Ich begann die Lektüre mit einer erkenntnistheoretischen Frage: Welche Methode verwendete Muhammad Schahrur, um zu seinen Ergebnissen zu gelangen? Was ich jedoch in der Einleitung und im Anhang „Die Geheimnisse der arabischen Zunge“ las, erschreckte mich derart, dass sich die Frage verwandelte: Gibt es überhaupt eine Theorie, oder handelt es sich um ein begriffliches Plasma, das Muhammad Schahrur benutzt, um seine Vorstellungswelt über Koran und Islam zu formen?
Deshalb beschloss ich, eine methodische Untersuchung zur Kritik an Muhammad Schahrurs „Das Buch und der Koran“ zu verfassen.
Das grundlegende Problem der Methode Muhammad Schahrurs – und mit ihm der gesamten islamischen Elite – besteht darin, aus dem heiligen Text, also Koran und/oder Hadithen, Lösungen für sämtliche Probleme gewinnen zu wollen, denen Menschen begegnen können: von Vorherbestimmung und Freiheit über das Erkenntnisproblem, Staatstheorie, Gesellschaft, Wirtschaft und Demokratie bis hin zur Deutung der Geschichte.
Ich habe nichts weiter getan, als die Brüchigkeit seiner Erkenntnisinstrumente offenzulegen. Schahrur liefert ein Beispiel für das Schlimmste, was wissenschaftliche Forschung sein kann. Den Gipfel der Konstruktion erreicht er, wenn er den beiden Verben ballaġa und ablaġa semantische Unterschiede zuschreibt, die sie nicht besitzen, und diese Unterschiede anschließend völlig willkürlich auf die Wörter anzala und nazzala überträgt. Dabei handelt es sich, wie Schahrur selbst sagt, um Folgendes: „Die Erklärung des Unterschieds zwischen inzāl und tanzīl gilt als einer der Hauptschlüssel zum Verständnis des Buches in seinen beiden Teilen, Prophetentum und Botschaft, und steht zugleich in enger Beziehung zu den Grundsätzen der Auslegung.“
Ich empfinde Mitgefühl für jene freundlichen Muslime, die des Spannungsverhältnisses müde geworden sind: Auf der einen Seite wollen sie am Glauben festhalten, auf der anderen widerspricht der vorherrschende Islam den Menschenrechten im Allgemeinen und den Rechten der Frau im Besonderen – ganz zu schweigen von seinem Widerspruch zur Wissenschaft. Muhammad Schahrurs Strömung bot eine Antwort auf ihre quälenden Fragen und eine Lösung für diese Spannung.
Ebenso betrüben mich jene Religionslosen, die glauben, Schahrurs Strömung könne eine Art islamischer Reformation nach dem Vorbild Luthers darstellen und einen Ausweg aus der moralischen, politischen und wissenschaftlichen Sackgasse bieten, in der sich die islamische Welt heute befindet.
Muhammad Schahrurs Buch und seine gesamte Strömung bringen die Tiefe der Krise der islamischen Welt in zweierlei Hinsicht zum Ausdruck:
Erstens: Die Krise ist so tief, dass Gläubige wie Nichtgläubige ein Buch mit einer brüchigen Methode begierig aufgreifen und darin eine mögliche Rettung sehen – allein deshalb, weil es Wissenschaftlichkeit und Zeitgemäßheit für sich beansprucht.
Zweitens: Es mangelt an kritischem Denkvermögen und an einem angemessenen Verständnis der Grundsätze wissenschaftlichen Denkens und der Forschungsmethoden, mit denen sich begründete Ergebnisse frei von Konstruktionen erzielen lassen. Ich meine es ernst, wenn ich sage: Dieses Buch sollte an Universitäten als Fallstudie dafür gelehrt werden, wie wissenschaftliche Forschung nicht beschaffen sein darf.
Schahrur gleicht jemandem, der ein Gebäude errichtet hat, das von außen modern wirkt, dessen Fundamente jedoch einsturzgefährdet sind. Nicht einmal auf die Harmonie der einzelnen Elemente hat dieser Baumeister geachtet, sondern seinem Gebäude alles hinzugefügt, was ihm an modernen Bauwerken gefiel. Sobald die Fundamente auch nur der geringsten Prüfung ausgesetzt werden, stürzt das ganze Gebäude ein. Gefährlich ist, dass Menschen, die sich nach modernen Bauwerken sehnen, dies für die richtige Bauweise halten und ihre eigenen Gebäude nach demselben Muster errichten. So entsteht eine Stadt, die schon beim ersten kleinen Beben über unseren Köpfen zusammenbricht.
Die Lösung liegt weder in Schahrurs Strömung noch in irgendeiner anderen. Sie liegt vielmehr in einer kritischen Auseinandersetzung mit der Gegenwart und ihren Problemen, frei von der Autorität des religiösen Textes oder jeder anderen Autorität, die Ergebnisse vorab als Voraussetzungen des Denkens festlegt. Die Lösung besteht darin, unsere Unwissenheit einzugestehen und den Mut zum Denken aufzubringen – oder unterzugehen.
Die vollständige Untersuchung kann über diesen Link gelesen werden.
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